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Interview von Folkmar Ukena zur Industriekrise, Fachkräftemangel und politischen Extremen

In den Zeitungen des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages findet Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena klare Worte zur Lage der Industrie, den Herausforderungen für den Arbeitsmarkt und den Folgen einer möglichen AfD-Landesregierung.

Das Interview hat die SHZ in zwei Teilen am 27.8.2026 veröffentlicht.

Titelseite:
Wirtschaft warnt vor AfD-Regierung
Nordmetall und Arbeitsmarktexperten im Norden fürchten Verschärfung der Konjunktur- und Jobkrise

Am übernächsten Sonntag beginnt ein heißer Wahl-September. Drei Landtagswahlen im Osten – in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern – stehen an, bevor im April die Schleswig-Holsteiner an die Wahlurnen gerufen werden. Bereits am 6. September in Sachsen-Anhalt geht es erstmals realistisch um die Frage, ob die AfD in Deutschland eine Landesregierung stellen darf. Dort führte sie zuletzt in allen Umfragen mit großem Abstand und mehr als 40 Prozent der Stimmen. Scheitern mehrere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde, wäre solch ein Szenario realistisch. Aber auch in Mecklenburg-Vorpommern lag die AfD zuletzt mit 36 Prozent deutlich vor der regierenden SPD. Welche Auswirkungen hätte es für die Wirtschaft, Jobs und Arbeitskräftegewinnung, wenn die AfD hier eine Wahl gewönne? Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena bezieht hier ganz klar Stellung: „Ein solcher Irrweg würde unsere aktuelle Krise deutlich verschärfen“, sagt der Unternehmer und führt nach Durchsicht des Parteiprogramms aus: Die AfD sei gegen die EU, gegen den Euro, gegen ausländische Fachkräfte und gegen die Wiederherstellung unserer Verteidigungsfähigkeit. Dafür nehme sie eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Abschottung mit Annäherung an Russland in Kauf. Ukena geht davon aus, dass auch Entscheidungen gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland getroffen würden: „Wir würden unsere Position im europäischen Vergleich verlieren.“ Und wie sieht es mit der Entwicklung der Jobs sowie den Möglichkeiten der Arbeitskräftegewinnung aus dem Ausland für unsere alternde Gesellschaft aus? Thomas Letixerant, Vizechef der Arbeitsagenturen in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg, sieht große Herausforderungen: „Um den daraus resultierenden Fach- und Arbeitskräftebedarf abzufedern, wird eine gezielte und gesteuerte Erwerbsmigration auch künftig eine wichtige Rolle spielen.“ Bereits in den vergangenen Jahren sei die Beschäftigung – wenn überhaupt – durch ausländische Arbeitskräfte gewachsen. Letixerant:„Das zeigt, welchen wichtigen Beitrag Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit bereits heute für den Arbeitsmarkt und für die Wertschöpfung unserer Wirtschaft leisten.“ Arbeitskräfte aus dem Ausland trügen dazu bei, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu sichern und die sozialen Sicherungssysteme langfristig
zu stabilisieren.
 

Seite 6:
„Globale Schockwellen haben uns erwischt“ 
Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena: Rüstungsindustrie kann die wegbrechenden Automobil-Jobs nicht auffangen.

Energie muss für die Industrie in Norddeutschland günstiger und in allen Regionen schneller verfügbar werden. Das fordert Nordmetall-Präsident Folkmar Ukena. Zudem verlangt der Verband, dass die Arbeits- und Sozialkosten wieder unter 40 Prozent sinken müssten. Nordmetall vertritt die Metallindustrie in Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Bremen und Nordwestniedersachsen. 

Herr Ukena, gerade hat die Metallindustrie in Süddeutschland mobilgemacht, der Norden scheint zurückhaltender. Ist die Lage an der Küste nicht so schlimm wie in den Auto-Regionen? 
Die Norddeutschen sind nicht unbedingt zurückhaltender, die letzte Tarifrunde haben wir als Pilotbezirk maßgeblich mitgestaltet. Die Krise der Industrie ist im Süden und im südlichen Niedersachsen durch die Autoindustrie stärker zu spüren. Unsere Zulieferer können sich dem aber auch nicht entziehen. Die Kapazitätsauslastung der Metall- und Elektroindustrie ist in Schleswig-Holstein auf einen Minimalwert von 80,3 Prozent gesunken. Dieser Wert ist nur in der Corona-Krise und der Finanzkrise 2009 unterboten worden. Und nur 35 Prozent der Betriebe in Schleswig-Holstein sehen sich in der Lage, dies auszugleichen. Die Auswirkungen der globalen Schockwellen haben uns alle erwischt. 

Wirtschaftsforschungsinstitute sehen bei den Auftragseingängen aber schon Besserung. Was ist richtig? 
Wir blenden diese absoluten Großaufträge aus dem Sondervermögen aus. Wir spüren immer noch eine unglaubliche Zurückhaltung und sinkende Investitionsbereitschaft – und Produktionsverlagerungen ins Ausland werden nicht nur in den ganz großen Betrieben diskutiert. 

Bei den Großaufträgen geht es auch um TKMS in Kiel und Wismar mit vierstelligem Arbeitskräftebedarf. Welche Rolle spielen Militäraufträge? 
Die Rüstungsindustrie wird die wegbrechenden Arbeitsplätze in der Automobilindustrie nicht auffangen können. 

Welche Veränderungen braucht die Metallindustrie konkret, und wie schnell? 
Wir brauchen Höchstgeschwindigkeit, zum Beispiel in Genehmigungsverfahren. Da stecken wir in einer tiefen Krise. Wir brauchen eine deutliche Entlastung bei Arbeits- und Sozialkosten. Das Problem ist erkannt, aber unsere Sozialkosten steigen immer weiter. Auch das Koalitionsversprechen zur Flexibilisierung der Wochenarbeitszeit muss umgesetzt werden, und das Thema Energiekosten beschäftigt uns über das ganze Land. Die ersten Reformschritte bei Gesundheit, Rente und Bürokratieabbau erkennen wir an. Sie gehen nur noch nicht weit genug. 

Sind die Lohnnebenkosten für Sie am wichtigsten? 
Das ist ein ganz erheblicher Kostenblock, aber ich brauche auch die Genehmigungsverfahren. In unserem Unternehmen möchten wir zum Beispiel in eine weitere Elektrifizierung investieren. Aber wir bekommen die Rückmeldung: In den nächsten zehn Jahren sind Genehmigungen und die Bereitstellung von Energie schwierig. Das kann nicht die Umgebung sein, in der wir sinnvoll und sicher investieren. 

Welche ist Ihre zentrale Forderung an die Bundesregierung? 
Das Thema Energie muss schneller und sicherer geregelt werden in Verfügbarkeit und Preis. Und die Sozialkosten, derzeit fast bei 42 Prozent, müssen wieder unter 40 Prozent sinken. Das ist ein wesentlicher Hemmschuh für Investitionen in Deutschland. 

Jenseits der Bundesregierung sind auch die Landesregierungen in Ihrem Gebiet für Sie von Bedeutung. Mecklenburg-Vorpommern wählt im September, Schleswig-Holstein im April. Wie wichtig sind die Landesregierungen für Sie? 
Für alle in Deutschland, die mit Wirtschaft etwas zu tun haben, ist von entscheidender Bedeutung, was sich bei den Wahlen abspielen wird, besonders in Ostdeutschland. 

Wenn die AfD eine Wahl gewönne, wie es in Sachsen-Anhalt möglich erscheint, ist das per se schädlich? 
Wenn wir uns die Programme dieser Partei angucken, stellen wir fest, dass sie gegen eine EU ist, dass sie gegen den Euro ist, gegen ausländische Fachkräfte und gegen die Wiederherstellung unserer Verteidigungsfähigkeit. Dafür nimmt sie eine wirtschafts- und gesellschaftspolitische Abschottung mit Annäherung an Russland in Kauf. Das kann doch nicht gesund sein. Ein solcher Irrweg würde unsere aktuelle Krise deutlich verschärfen. 

Wären davon auch Standortentscheidungen betroffen? 
Davon gehe ich aus. Wir würden unsere Position im europäischen Vergleich verlieren. 

Mögen Sie schon mal einen Ausblick auf die kommende Tarifrunde geben: Wann geht es genau los? 
Die Forderungen werden Ende September bekanntgegeben. Dann geht es ans Eingemachte. In der aktuellen Situation bemerken auch die Arbeitnehmer, dass für sie weniger im Geldbeutel bleibt. 

Was erwarten Sie von der Tarifrunde? 
Es ist noch zu früh, um das sicher beurteilen zu können. Die Lage wird von der IG Metall auch langsam erkannt, und wir müssen gemeinsam über Kriseninstrumente nachdenken. Die aktuelle Situation hatten wir in dieser Form noch nie. Wenn das Thema Inflation aufs Tablett kommt, können wir nur sagen, dass die Produktivität in den einzelnen Unternehmen die wesentliche Steuergröße ist. Wir können wirklich nur das verteilen, was da ist. Schon die einmal 2,0 und 3,1 Prozent aus der vergangenen Tarifrunde für die Jahre 2025 und 2026 waren ein Vorschuss auf bessere Zeiten. Die sind aber leider nicht eingetreten.