2.12.14: Eintrübung in der norddeutschen Schlüsselindustrie

Die Geschäftslage der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie hat sich im Jahresverlauf verschlechtert. Mehr Firmen als im Frühjahr bemängeln zu dünne Auftragsbücher und erwarten sogar weitere Rückgänge. Auch die Kapazitätsauslastung sei um fast drei Prozent zurückgegangen, hieß es am Dienstag von den „M+E-Arbeitgebern im Norden“. Dieses Bündnis von Nordmetall, AGV Nord und fünf weiteren Arbeitgeberverbänden in Norddeutschland hatte in seiner aktuellen Herbstumfrage bei rund 650 Unternehmen mit gut 150.000 Beschäftigten nach der konjunkturellen Lage gefragt.

„Ganze 10 Prozent unserer Firmen sind von der Positiv- auf die Negativseite gewechselt. Das zeigt: Nicht nur die Stimmung, auch die Lage hat sich bei einer ganzen Reihe von Unternehmen eingetrübt“, kommentierte Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch die Ergebnisse.

Es zeige sich eine größere Spreizung zwischen Gut- und Schlechtgelaunten: 29 Prozent der Mitgliedsunternehmen meldeten gute Geschäfte, 44 Prozent eine befriedigende Lage. Schon 23 Prozent bezeichneten die aktuelle Situation als unbefriedigend und immerhin 4 Prozent sprachen von schlechten Geschäften. Vor einem halben Jahr lagen noch 37 Prozent bei „gut“, 46 bei „befriedigend“, nur 15 Prozent bei „unbefriedigend“ und 2 bei „schlecht“.

„Deswegen muss Weihnachten nicht ausfallen, aber die Gans im Ofen war schon mal deutlich fetter“, so Lambusch.

39 Prozent der befragten Unternehmen bezeichnen ihren Auftragsbestand als zu gering (Frühjahr: 26%), 42 als ausreichend und nur 19 als relativ hoch. Im Durchschnitt der Betriebe reicht der Auftragsbestand nur für drei Monate Arbeit. „Hinzu kommt eine oftmals verschlechterte Auftragsprognose“, so Lambusch. Gegenüber den 11 Prozent im Frühjahr seien es jetzt schon 20 Prozent, die rückläufige Auftragseingänge befürchten.

Somit geben sich viele Unternehmen auch bei der Umsatzprognose fürs ablaufende Jahr verhalten: Fast zwei Drittel (63 Prozent) gehen nur von gleichbleibenden oder sogar sinkenden Umsätzen aus. Zwar wollen 16 Prozent ihre Investitionen erhöhen, fast ebenso viele aber auch reduzieren (nämlich 15%, im Frühjahr waren dies nur 11%). Die Zahl ihrer Mitarbeiter wollen 67 Prozent unverändert lassen. 13 Prozent planen einen Beschäftigungsabbau, 20 Prozent wollen ihre Belegschaft vergrößern. 45 Prozent der Unternehmen beklagen jedoch, dass die gesuchten Fachkräfte gar nicht verfügbar seien.

Zu den Ursachen der Eintrübung zählen die M+E-Arbeitgeber im Norden insbesondere die Konjunkturschwäche in wichtigen EU-Ländern, wie Frankreich und Italien. Für 73 Prozent der Mitgliedsunternehmen sei die EU der Hauptabsatzmarkt. „81 Prozent unserer Mitglieder liefern ins Ausland. Der Export ist für unsere Industrie lebenswichtig. Da sorgen auch die Krisen und Kriege in Osteuropa und im Nahen Osten für große Verunsicherung“, so Lambusch.

Im Inland dämpften aktuelle wirtschafts- und sozialpolitische Maßnahmen die Stimmung. Mindestlohn, Rente mit 63 und Mütterrente seien von den Unternehmen nicht als positive Signale für mehr Wachstum wahrgenommen worden. „Was es lange nicht gab in Deutschland, das haben wir jetzt wieder: eine Standortdebatte“, warnte Lambusch. 9 Prozent der Unternehmen aus der Umfrage planten Produktionsverlagerungen, davon zwei Drittel aus Kostengründen. Der Politik riet er von weiteren Eingriffen in die Rahmenbedingungen ab, z.B. durch eine Regulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen. „Bei einer Konjunktur, die schwankt oder sogar schwächelt, müssen die Unternehmen beweglich bleiben.“

Flexibilität ermöglichen, das sei auch eine Aufforderung an die Tarifparteien, so Lambusch. Ab dem 16. Januar verhandelt er für Nordmetall mit der IG Metall, die 5,5 Prozent mehr Lohn fordert. „Die Forderung ist wirklichkeitsfremd. Der Tarifabschluss muss fair für alle sein – für Beschäftigte, für Betriebe mit guter Lage und Firmen mit schlechter Lage. Wir haben alles zwischen Rekordauslastung und Kurzarbeit. Tarifpolitik mit der Gießkanne funktioniert da nicht“, sagte Lambusch.

Die „M+E-Arbeitgeber im Norden“ fragen ihre Mitgliedsunternehmen halbjährlich nach ihrer aktuellen Geschäftslage und den Zukunftserwartungen. In diesem Herbst beteiligten sich 222 Unternehmen mit zusammen 98.500 Beschäftigten.