2.6.16: Tarifbindung sinkt weiter. Lambusch: „Mit Tarifautonomie sorgsamer umgehen“

NORDMETALL-Präsident Thomas Lambusch nimmt neue Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zum Anlass, einen sorgsameren Umgang mit der Tarifautonomie zu fordern.

„Die Politik darf den Flächentarifvertrag nicht durch Eingriffe entwerten, sondern muss die Autonomie der Sozialpartner respektieren. Und die Gewerkschaften müssen den Flächentarif gemeinsam mit uns Arbeitgebern flexibler gestalten. Im jüngsten Tarifabschluss für die M+E-Industrie haben wir deshalb mit der IG Metall Differenzierungs­möglichkeiten vereinbart, um das Tarifwerk an die individuelle Lage der Firmen anpassen zu können. Diese Stellschrauben müssen jetzt von beiden Seiten genutzt werden – als Signal, dass der Flächentarif den Unternehmen passgenaue Lösungen ermöglicht.“

Lambusch wies zudem darauf hin, dass die Attraktivität der Tarifbindung auch steigen würde, wenn Tarifkonflikte ohne unnötigen Krawall abliefen: „Streiks sollten das letzte Mittel bleiben, um eine Auseinandersetzung zu lösen. Hier gibt es jedenfalls in der M+E-Industrie noch deutliches Verbesserungspotenzial. Das neue Streikkonzept der Gewerkschaft mit 24stündigen Arbeitsniederlegungen ist nicht geeignet, das Vertrauen der Arbeitgeber in die Bereitschaft der Gewerkschaft zu einer friedlichen Lösung zu stärken.““  

Hintergrund:
Im Jahr 2015 arbeitete nach neuen IAB-Daten nur noch rund die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland in Betrieben, für die ein Branchentarifvertrag gilt (siehe Grafik).
Seit der ersten Erhebung 1996 sei der Anteil der in tarifgebundenen Betrieben Beschäftigten deutlich zurückgegangen, heißt es weiter: Arbeiteten damals in Westdeutschland noch 70 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben, sank deren Anteil bis 2015 auf nur noch 51 Prozent. In Ostdeutschland ging der entsprechende Anteil der Beschäftigten von 56 auf 37 Prozent zurück.
Gegenüber 2014 sank die Tarifbindung in Westdeutschland um 2 Prozentpunkte, wohingegen sie in Ostdeutschland verglichen mit 2014 um 1 Prozentpunkt anstieg. Für 8 Prozent der Beschäftigten im Westen und 12 Prozent im Osten galt ein Firmentarifvertrag, was einen Anstieg von 1 Prozentpunkt gegenüber dem Vorjahr in beiden Landesteilen bedeutet. Wenngleich es für 41 Prozent der westdeutschen und 51 Prozent der ostdeutschen Beschäftigten 2015 keinen Tarifvertrag gab, profitierten doch in Westdeutschland 51 Prozent dieser Arbeitnehmer indirekt, da sich ihre Betriebe an Branchentarifverträgen orientierten. In Ostdeutschland waren es 44 Prozent der Beschäftigten in Betrieben ohne Tarifbindung, denen die indirekte Wirkung eines Tarifvertrages nutzte. Diese Zahl sei gegenüber dem Vorjahr rückläufig, heißt es weiter: 2014 arbeiteten noch 50 Prozent der Beschäftigten in Ostdeutschland in nicht tarifgebundenen Betrieben, die sich aber an den tarifvertraglichen Standards orientieren. In Westdeutschland dagegen hat sich dieser Wert kaum verändert und lag bei 52 Prozent.