24.5.16: Konjunkturumfrage der norddeutschen M+E-Industrie: Frühjahr ohne Optimismus

Die Konjunkturlage in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie verschlechtert sich zusehends.

Mehr als ein Drittel der Unternehmen schätzt die gegenwärtige Geschäftslage negativ ein, fast die Hälfte meldet die schlechteste Auftragslage seit fünf Jahren, knapp ein Viertel plant eine Verringerung der gegenwärtigen Mitarbeiterzahl. Wegen hoher Arbeitskosten und Überregulierung sehen fast 40 Prozent der Unternehmen die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts Deutschland beeinträchtigt, knapp ein Fünftel plant deshalb Produktionsverlagerungen ins Ausland.

Das sind die wichtigsten Ergebnisse der Frühjahrsumfrage der M+E-Arbeitgeber im Norden. Das  Bündnis aus NORDMETALL, dem AGV Nord und drei weiteren  Arbeitgeberverbänden hat für seine Frühjahrsumfrage rund 660 Unternehmen mit gut 150.000 Beschäftigten um ihre Konjunktureinschätzung gebeten.

Thomas Lambusch, Präsident von NORDMETALL, sieht nach der konjunkturellen Seitwärtsbewegung der vergangenen drei Jahre nun die Gefahr einer deutlichen Eintrübung der Geschäftslage in der M+E-Industrie: „Der Optimismus ist in diesem Frühjahr unter unseren Mitgliedsunternehmen weithin verschwunden, die Aussichten für die Branche werden schlechter. Zwar gibt es nach wie vor einige Leuchttürme, etwa im Automobilbereich, und auch die Zukunftsaussichten der Werftindustrie sind nicht düster. Im Maschinenbau ist die fortwährende Talfahrt jedoch unübersehbar, der Flugzeugbau hat seit dem Herbst eine erheblich schlechtere Geschäftslage zu verzeichnen, und bei den Gießereien ist sie dauerhaft schlecht.“

Die Spreizung zwischen den Branchen sei enorm, insgesamt jedoch gingen Kapazitätsauslastung und Auftragsbestand erheblich zurück,
so der Nordmetall-Präsident. Mit nur 82,6 Prozent erreicht die Kapazitätsauslastung den schlechtesten Wert seit dem Frühjahr 2010, mit 49 Prozent haben die Unternehmen die Auftragslage seit 2010 nicht mehr kritischer beurteilt.

Zwar schätzen noch gut 64 Prozent der Unternehmen ihre gegenwärtige Geschäftslage als gut oder befriedigend ein, aber auch dieser Wert ist der schwächste seit fünf Jahren. Ein Drittel der Betriebe rechnet mit sinkenden Umsätzen, fast die Hälfte kann die Kostensteigerungen nicht mehr mit Preiserhöhungen auffangen. Investitionen werden dementsprechend in diesem Frühjahr fast dreimal häufiger zurückgestellt als noch in 2014, die Zahl der Unternehmen, die ihre Mitarbeiterzahl voraussichtlich verringern will, hat sich in zwei Jahren auf 24 Prozent mehr als verdoppelt.

NORDMETALL-Präsident Thomas Lambusch sieht eine Reihe von Ursachen für die insgesamt negative Entwicklung: „Die Krise der Schwellenländer, der schwächelnde Markt in China und der niedrige Ölpreis machen unseren stark exportorientierten Unternehmen schwer zu schaffen. Die Unwägbarkeiten der internationalen politischen Lage verstärken diesen Effekt. Dazu kommen hausgemachte Probleme: Die Arbeitskostenlast steigt weiter, die Politik tut nach wie vor viel zu wenig, um die Investitionsbedingungen zu verbessern. Das gilt für den zögerlichen Ausbau der digitalen Infrastruktur, die lahmende Vermittlung digitaler Kompetenzen in den Schulen sowie für die gerade im Norden jahrzehntelang vernachlässigte Verkehrsinfrastruktur.“

Lambusch bezeichnete den jüngsten Tarifabschluss der M+E-Industrie vor dem Hintergrund dieser Zahlen als gerade noch verantwortbar: „Das Reallohnplus für die Arbeitnehmer muss nun bis 2017 hart erarbeitet werden. Und die Gewerkschaft darf in den vom Abwärtstrend betroffenen Branchen das von den Arbeitgebern erstrittene Instrument der Differenzierung nicht blockieren: Ohne diese Marscherleichterung werden Unternehmen mit schlechter Wirtschaftslage sonst Mitarbeiter entlassen, Arbeit ins Ausland verlagern oder ganz schließen müssen. Diesen Trend müssen wir alle miteinander verhindern, erst recht in den kommenden Jahren mit einem weiteren Ausbau der Differenzierung. Nur durch noch größere Flexibilität kann unsere extrem heterogene Branche den Flächentarifvertrag erhalten und stabilisieren, was Arbeitgeber wie Gewerkschaften sich schließlich gemeinsam vorgenommen haben.“