23.10.17: Tarifforderung der IG Metall Küste: „60 Tage Urlaub für 60.000 Euro – das wäre absoluter Wahnsinn“

Fast 60 Tage Urlaub und ein Durchschnittseinkommen von mehr als 60.000 Euro im Jahr. Das würde die für Dienstag erwartete Forderungsempfehlung der IG Metall Küste für die Gewerkschaftsmitglieder bedeuten.

„Für die Arbeitgeber der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie wäre das absoluter Wahnsinn. Viele Firmen sind schockiert angesichts dessen, was die Gewerkschaft fordert“, erklärt NORDMETALL-Präsident Thomas Lambusch.

Zur Lohnforderung von rund 6 Prozent mehr Geld soll für die 110.000 tarifgebundenen Metallarbeitnehmer an der Küste ein Recht zur individuellen Arbeitszeitverkürzung um bis zu 20 Prozent hinzukommen. Um diese Lücke zu füllen, würden bis zu 22.000 weitere Arbeitskräfte benötigt. Dabei sind schon heute 18.000 Stellen in den M+E-Berufen im Norden unbesetzt. „Ich würde gerne wissen, wo die zusätzlichen Kräfte herkommen sollen. Die Antwort darauf ist uns die IG Metall bis heute schuldig geblieben“, rügt der NORDMETALL-Präsident.

Für die rund 77 Prozent der Mitarbeiter, die nach Gewerkschaftsangaben Kinder erziehen, Angehörige pflegen oder in Schicht arbeiten, fordert die IG Metall sogar einen Entgeltausgleich, sofern die Arbeitszeit um mindestens 10 Prozent verringert wird. „So, wie wir das Modell verstehen, ergibt sich ein enormer Anreiz für diese Beschäftigten, ihre Arbeitszeit mit kaum spürbaren Entgelteinbußen genau um diese 10 Prozent zu reduzieren. Für den einzelnen ist das so, als bekäme er zu seinen 30 Urlaubstagen weitere 26 Tage bezahlten Urlaub hinzu – absoluter Wahnsinn“, betont Lambusch.

Geradezu grotesk werde die Forderung, wenn die IG Metall zugleich verlangt, dass die Arbeitszeit-verringerung nicht zu Überstunden und Leistungsverdichtung der verbleibenden Mitarbeiter führen dürfe. „Die einen sollen mehr bezahlte Freizeit erhalten, die anderen aber nicht mehr arbeiten dürfen. Wie soll diese absurde Gleichung aufgehen? Das ist kompletter Unfug", so Lambusch.

Verschärfend komme hinzu, dass in der norddeutschen M+E-Industrie Arbeitsverhältnisse nur mit Sachgrund – und selbst dann höchstens für 18 Monate – befristet werden dürften. Die Zahl der Mitarbeiter, die – gegen entsprechende Bezahlung – bis zu 40 Stunden in der Woche arbeiten dürfen, ist auf 13 Prozent der Belegschaft begrenzt. „Wenn das so bleibt, fährt die Gewerkschaft unsere Betriebe gegen die Wand“ kritisiert Lambusch, der selbst Chef eines mittelständischen Unternehmens, der S.E.A.R. GmbH in Rostock, ist.

Er befürchtet, dass insbesondere kleinere und mittlere Unternehmen in Scharen aus dem Tarifvertrag austreten werden, um extreme wirtschaftliche Probleme zu vermeiden. „Damit wären alle Bemühungen, die Tarifbindung zu stabilisieren und zu stärken, auf Dauer dahin.“

Die Arbeitgeber seien weiterhin davon überzeugt, dass es gelingen könne, den Flächentarif zu modernisieren und den Bedürfnissen der Betriebe und ihrer Beschäftigten gleichermaßen Rechnung zu tragen, so Lambusch. „Wie wir solche Optionen eröffnen können, sollte Thema der anstehenden Tarifverhandlungen sein. Wer dagegen die Arbeit immer knapper und immer teurer macht, der begibt sich auf einen gefährlichen Irrweg, der unsere Branche geradewegs in den Abgrund führt.“