1.12.15: Wunschzettel lang, Bescherung mau

Konjunkturumfrage der Metall- und Elektroindustrie zeigt schlechteste Auftragslage seit vier Jahren.

Die Auftragsbücher der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie werden dünner. Nur noch 15 Prozent der Unternehmen bezeichnen ihren Auftragsbestand als relativ hoch, mehr als doppelt so viel (32 Prozent) aber als zu gering. Und bei 80 Prozent der Unternehmen reichen die gegenwärtigen Aufträge nur für höchstens ein halbes Jahr Arbeit. "Die Hurra-Rufer werden immer weniger, die Industrie im Norden leidet unter der schlechtesten Auftragslage seit vier Jahren", fasst Nordmetall-Präsident Thomas Lambusch die jüngste Umfrage unter den M+E-Arbeitgebern im Norden zusammen. Das Bündnis von Nordmetall, AGV Nord und drei weiteren Arbeitgeberverbänden in Norddeutschland hatte in seiner Herbstumfrage rund 660 Unternehmen mit gut 150.000 Beschäftigten über ihre Geschäftslage befragt.

Ihre Antworten zeigen: Die Konjunktur in der M+E-Industrie tritt auf der Stelle. "Seit dreieinhalb Jahren bewegen sich unsere Umfragekurven nur noch seitwärts", so Verbandschef Lambusch. In Zahlen heißt das: Gerade einmal drei von zehn befragten Firmen (29 Prozent) melden eine gute Geschäftslage, das sind drei Prozentpunkte weniger als im vergangenen Frühjahr. Mit Blick auf das nächste halbe Jahr sinkt dieser Anteil noch tiefer auf 22 Prozent. Weniger als die Hälfte bezeichnen die aktuelle Situation als befriedigend, 20 Prozent als unbefriedigend und drei Prozent als schlecht. Auch die Kapazitätsauslastung verharrt seit einem Jahr bei rund 85 Prozent und damit zwei Prozentpunkte unter dem 10-Jahres-Durchschnitt. Zudem erwartet nur noch ein Drittel der Unternehmen eine Umsatzsteigerung in diesem Jahr. "Die Stimmung im Advent ist entsprechend gedämpft", sagte Lambusch, "Weihnachtsfreude kommt bei solchen Zahlen nicht auf. An Silvester stoßen wir höchstens darauf an, ein weiteres Jahr geschafft zu haben und unser Personal halten zu können."

Insbesondere der Maschinenbau, das Branchen-Schwergewicht auch in der norddeutschen M+E-Industrie, meldet einen Einbruch (nur noch 19 Prozent mit guten Geschäften, nach 28 Prozent im Frühjahr). Andere Branchen, wie der Flugzeugbau, dem es deutlich besser geht, könnten dieses Minus in der Gesamtschau nicht ausgleichen.

Die enorme Spreizung der Lage sei auch ein Auftrag an die Tarifpolitik, mahnt der Verbandspräsident: "In der nächsten Tarifrunde ab März 2016 kann man nicht mehr alle Unternehmen über einen Kamm scheren, sondern wir müssen betriebsnahe Lösungen ermöglichen."

Weil die konjunkturelle Bescherung für die Mehrheit der M+E-Unternehmen mau auszufallen droht, ist ihr Wunschzettel lang: "Wir brauchen bessere Investitionsbedingungen, einen massiven Ausbau der digitalen Infrastruktur und die Vermittlung digitaler Kompetenzen in den Schulen. Aber der vielleicht wichtigste Wunsch für 2016 ist endlich ein Stopp der stetig steigenden Belastungen der Arbeitgeber", betonte Lambusch mit Blick auf die drohende gesetzliche Neuregulierung von Zeitarbeit und Werkverträgen und die im Frühjahr anstehenden Tarifverhandlungen.

Der Politik stellen die M+E-Arbeitgeber kein gutes Zeugnis aus. Für 26 Prozent der befragten Unternehmen hat sich die Attraktivität des Standorts Deutschland in letzter Zeit verschlechtert, nur für zwei Prozent verbessert. Da sei es kein Wunder, dass mehr Unternehmen Produktionsverlagerungen planten. "Über 11 Prozent unserer Mitglieder haben keine andere Wahl mehr, als Teile der Fertigung ins Ausland zu verlegen - der höchste Wert seit vier Jahren", so Lambusch. Der mit Abstand wichtigste Grund dafür seien die hohen Arbeitskosten in Deutschland. Nur drei Prozent der Unternehmen könnten die steigenden Kosten über höhere Preise weitergeben. "Hier sind Politik und Gewerkschaften gefordert. Wir sehen ja schon jetzt eine schleichende Deindustrialisierung", warnte Lambusch.

Die Einzelergebnisse nach Bundesländern sowie Grafiken finden Sie im Anhang.

Die "M+E-Arbeitgeber im Norden" fragen ihre Mitgliedsunternehmen halbjährlich nach ihrer aktuellen Geschäftslage und den Zukunftserwartungen. In diesem Herbst beteiligten sich 213 Unternehmen mit zusammen 104.000 Beschäftigten.